Wertschätzen: Kinder, Eltern und Lehrkräfte im KEL-Gespräch

"Die Lehrer waren stolz
auf mich. Sie haben gesagt, dass ich mich sehr bemühe. Da war meine
Mutter auch stolz auf mich." – So die Rückmeldung eines Schülers zum KEL-Gespräch. Die Gesprächsrunde aus Kind, Eltern und Lehrkräften der Hauptfächer ersetzt an der Schule von Anita Hollauf die üblichen Elternsprechtage.

 

 

Wertschätzen: Kinder, Eltern und Lehrkräfte im KEL-Gespräch

  • Modellversuch "Neue Mittelschule" in Niederösterreich
  • Statt Elternsprechtagen: KEL-Gespräche
  • Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler 

Anita Hollauf

Modellversuch "Neue Mittelschule" in Niederösterreich

Gemeinsam lernen von der 5. bis zur 8. Jahrgangsstufe
In Niederösterreich startete im Schuljahr 2009/10 der Modellversuch "Neue Mittelschule" (www.neuemittelschule.at). Das ist eine gemeinsame Schule der 10- bis
14-Jährigen mit einer neuen, leistungsorientierten Lehr- und
Lernkultur.
Im Mittelpunkt steht die individuelle Förderung der Schülerinnen und
Schüler. Sie  erarbeiten ihr Wissen selbst und
werden zur Selbständigkeit angeleitet: Es geht um das Begreifen
und Verstehen von Lerninhalten und die Anwendung des Gelernten.

Benotung und Bewertung
Schularbeiten, Tests und Prüfungen gibt es weiterhin, sie werden ergänzt durch individuelle Rückmeldungen. Die Feedback-Kultur "Schülerinnen und
Schüler zu Lehrerinnen und Lehrern" wird groß geschrieben.
Noten werden durch zu Leistung anspornende und
motivierende Formen der Beurteilung und der detaillierten
Leistungsrückmeldung für Schülerinnen und Schüler und deren Eltern angereichert.

Statt Elternsprechtagen: KEL-Gespräche

An Stelle der üblichen Elternsprechtage treten hier sogenannte KEL-Gespräche. Kinder, Eltern und Lehrkräfte (KEL) führen gemeinsam ein Gespräch über Lernfortschritte und Unterrichtsverhalten.
Als langjährige Lehrerin empfand ich diese Gespräche im Vergleich außerordentlich bereichernd. Deshalb möchte ich hier vorstellen, wie wir dabei vorgehen und auf welche Resonanz diese Gespräche stoßen.

Zeitplanung und Terminabstimmung mit den Eltern
Damit wir auch alle Väter und Mütter erreichen, machten wir im Vorfeld eine Umfrage, ob den Eltern
Vormittags- oder Nachmittagstermine lieber wären.
Auf dieser Grundlage erstellten wir einen
Zeitplan, der den Kindern eine Woche vor dem Gespräch mitgegeben
wurde.
Wir planten jeweils zwanzig Minuten für ein Gespräch ein. Bei 52 Schülerinnen und Schülern kam so ein erheblicher Zeitaufwand zustande. Deshalb versuchten wir auch Zeitfenster zu nutzen, in
denen normalerweise Teamteaching stattfand.

Start mit der "Befindlichkeitsrunde" – Verlauf der Gespräche
Die Lehrer und Lehrerinnen der Gegenstände (österreichisch für "Fächer") Deutsch, Englisch
und Mathematik setzten sich mit jeweils einem Schüler und
dessen Eltern zusammen.
Der erste Schritt war eine "Befindlichkeitsrunde". Hier ging es darum, wie sich der  Junge oder das Mädchen in der Klasse und im Unterricht fühlten und welche Rolle sie einnahmen. 

Danach präsentierten Schülerin oder Schüler besonders gelungene Arbeiten. In unserem Fall waren das
Portfolios aus Englisch und Textkompetenz, Arbeitsergebnisse aus MaC
(Mathematik am Computer), gelungene Stücke aus dem technischen und
textilen Werkbereich, besonders schön gestaltete Gedichte oder Blätter
aus dem Informatikunterricht.

Anschließend berichteten das Mädchen oder der Junge nun aus ihrer Sicht
vom Unterricht und den Lernfortschritten. Gemeinsam mit den LehrerInnen
und Eltern wurden Erfolge sowie Defizite angesprochen und
Lösungsmöglichkeiten gesucht. Danach hatten die Eltern die
Möglichkeit ihre Wahrnehmung vom Unterricht und dem Modellversuch
einzubringen.

Reaktionen und Einschätzungen
Die KEL-Gespräche wurden von allen Beteiligten gut und dankbar
angenommen. In meiner Klasse lag die Beteiligung bei 100%, in den
beiden Parallelklassen bei 90%. Das ist um einiges höher als die
sonst übliche Teilnahme an Elternsprechtagen. Ein Vater flog sogar aus dem
Ausland ein, um dabei sein zu können.

Von manchen SchülerInnen kam die
gesamte Familie, also die Eltern und auch größere Geschwister, manchmal
auch noch eine Tante. Die Zeitvorgabe von zwanzig Minuten konnten wir nicht immer
einhalten, doch großteils passte der Zeitrahmen.

Das Hauptproblem der KEL-Gespräche ist der große Zeitaufwand.
Es war uns eine große Hilfe, dass wir die Teamteaching-Stunden dafür nutzen konnten. So
blieben uns drei Halbtage außerhalb der Unterrichtszeit.
Da die
positiven Erfahrungen überwiegen, möchten wir diese Art der
Leistungsdokumentation auf jeden Fall auch im zweiten Semester wiederholen.

Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler

Im Anschluss daran bat ich meine SchülerInnen um ein anonymes Feedback. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Hier einige Ausschnitte:

  • Ich fand die KEL-Gespräche sehr toll, weil ich dabei sein
    durfte. Ich habe zuerst meine Sachen präsentiert und dann haben die
    Lehrer nach der Reihe über mich geredet.
  • Ich fand die KEL-Gespräche sehr gut und es ist mir gut dabei
    gegangen. Vorher war ich nervös, weil ich nicht gewusst habe, wie das
    sein wird und was die Lehrer sagen werden.
  • Die KEL-Gespräche haben mir gefallen. Leider haben die Lehrer auch schlechte Sachen gesagt, aber das andere war schön.
  • Im KEL-Gespräch fand ich alles gut. Auch was die Lehrer gesagt
    haben, dass ich mich noch ein bisschen verbessern soll. Ich bemühe
    mich. 
  • Es war sehr gut, was ich gemacht habe. Die Lehrer waren stolz
    auf mich. Sie haben gesagt, dass ich mich sehr bemühe. Da war meine
    Mutter auch stolz auf mich.
  • Bei den KEL-Gesprächen ist es mir sehr gut gegangen. Ich
    habe meine Portfolios präsentiert. Die Lehrerinnen waren sehr zufrieden
    und sagten über mich auch positive Sachen, nicht nur negative. Ich habe
    das KEL-Gespräch gemeistert!
  • Die KEL-Gespräche fand ich sehr spannend, weil ich nicht
    wusste, ob sie (die Lehrer) schlimm reden über mich oder gut. Aber sie
    haben gut über mich geredet. Ich danke den Lehrerinnen.


Anita Hollauf
unterrichtet an der Medienmittelschule Neunkirchen bei Wien unter anderem Katholische
Religion, Biologie/Umweltkunde und Deutsch. Sie ist Dipl. Trainerin für Sozial- und Selbstkompetenz und wirkt in verantwortlicher Position bei den Online-Seminaren von rpi-virtuell mit – mehr.

 


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